Rind

Schmerztherapie ist kein Luxus

Schmerzen zu behandeln lohnt sich – auch finanziell.

Ist eine Schmerztherapie bei Nutztieren schlicht zu teuer und für die Betriebe wirtschaftlich nicht tragbar? Anders als bei vielen Kleintieren oder Pferden, die mittlerweile häufig den Status von Familienmitgliedern haben, muss die Wirtschaftlichkeit therapeutischer Maßnahmen beim Nutztier stets genau im Blick behalten werden. So sollten vor der Gabe von Schmerzmedikamenten immer die Heilungsaussichten bedacht werden: Wenn das Tier letztlich abgeschafft werden soll, darf eine Schmerztherapie dies nicht hinauszögern.

Warum es grundsätzlich auch im Hinblick auf den Betriebserfolg sinnvoll ist, Schmerzen zu bekämpfen, erklärt Dr. Melanie Feist von der Klinik für Wiederkäuer der LMU München in der Fachzeitschrift Der Praktische Tierarzt. Bei Erkrankungen wie einer Euterentzündung sowie nach Operationen oder Eingriffen wie dem Enthornen können Schmerzen die Heilung verzögern. Insbesondere chronische Schmerzen, zum Beispiel wenn eine Kuh langfristig lahm geht, wirken sich negativ auf das Wohlbefinden und damit auf Milchleistung, Fruchtbarkeit und Zunahmen aus.

Darüber hinaus ist die Schmerztherapie ein Gebot des Tierschutzes. In Deutschland regelt das Tierschutzgesetz, dass „niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden“ zufügen darf. Sind dennoch schmerzhafte Eingriffe nötig, bei denen aus „vernünftigem Grund“ auf eine Betäubung verzichtet wird, so sind laut Gesetz „alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Schmerzen oder Leiden der Tiere zu vermindern.“

Die fünf Freiheiten

Auf EU-Ebene bilden die sogenannten „Fünf Freiheiten“ die Grundlage der Tierschutzpolitik. Dieses Konzept wird von Organisationen wie der World Organisation for Animal Health (OIE) genutzt, um das Tierwohl bzw. die Tiergerechtheit von Haltungen messen zu können. Um einem Tier ein lebenswertes Dasein zu sichern, sollten die fünf Freiheiten möglichst gewährleistet sein:

1. Freiheit von Hunger und Durst

2. Freiheit von haltungsbedingten Beschwerden

3. Freiheit von Schmerz, Verletzungen und Krankheiten

4. Freiheit von Angst und Stress

5. Freiheit zum Ausleben normaler Verhaltensmuster

Dass lebensmittelliefernde Tiere ein lebenswertes Dasein führen sollen, wird gerade in den letzten Jahren auch zunehmend von den Verbrauchern eingefordert. Die Freiheit von Schmerzen ist zentraler Bestandteil des Tierwohls.

Wie wird das Schmerzempfinden eingeschätzt?

Tatsächlich weiß ein Großteil der Landwirte um die Bedeutung schmerzlindernder Maßnahmen und viele sind auch bereit, dafür zu bezahlen – und zwar mehr zu bezahlen, als Tierärzte im Allgemeinen denken. In den vergangenen zehn Jahren wurden international mehrere Befragungen von unter anderem Landwirten, Tierärzten und Klauenpflegern durchgeführt, in denen es um Schmerzempfinden und -therapie bei Rindern ging. In allen Umfragen schätzten Frauen die mit bestimmten Eingriffen verbundenen Schmerzen stärker ein als ihre männlichen Kollegen. Jüngere Tierärzte und Landwirte sprachen den Rindern ebenfalls ein größeres Schmerzempfinden zu als ältere. Die Praktiker, die davon ausgingen, dass die Tiere stärkere Schmerzen haben, setzten tendenziell auch mehr Schmerzmedikamente ein.

In einer Befragung bayrischer Landwirte und Tierärzte, die 2011 an der Klinik für Wiederkäuer der Ludwig-Maximilians-Universität München durchgeführt wurde, zeigte sich, dass die befragten Landwirte häufig zu höheren Ausgaben für eine Schmerztherapie bereit waren, als die befragten Tierärzte glaubten.

Weitere Informationen: Feist M (2015): Schmerz beim Rind – Erkennung und Behandlung. Prakt Tierarzt 96: 926–942.