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Schmerz erkennen

"Schmerzen werden oft übersehen."

ITIS Expertin Prof. Dr. Sabine Tacke im Interview.

Prof. Dr. Sabine Tacke ist Fachtierärztin für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Schmerztherapie und Chirurgie. Sie leitet die Abteilung für Anästhesie, perioperative Intensivmedizin und Schmerztherapie an der Klinik für Kleintiere (Chirurgie) der Justus-Liebig-Universität Gießen. Als Expertin für Schmerztherapie ist sie Gründungsmitglied der Initiative tiermedizinische Schmerztherapie, ITIS.

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen haben Sie die Initiative für tiermedizinische Schmerzmedizin gegründet. Wer steckt dahinter und was sind Ihre Ziele?

Sabine Tacke: Das ITIS-Fachgremium hat zurzeit sieben Mitglieder, anerkannte Vertreter der deutschen Hochschulen für Tiermedizin sowie Tierärzte aus der Klein- und Heimtierpraxis. Gleich ob Anästhesiologin, Pharmakologin, Chirurg oder Heimtierpraktiker – wir alle beschäftigen uns täglich mit dem Schmerzmanagement bei Tieren.

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass sich die Mechanismen der Schmerzwahrnehmung bei Tier und Mensch nur unwesentlich unterscheiden. Deshalb sind wir überzeugt davon, dass Tiere genauso unter Schmerzen leiden wie Menschen. ITIS möchte dazu beitragen, dass diese Schmerzen leichter erkannt und optimal behandelt werden. Leider werden Schmerzen bei Tieren viel zu häufig übersehen – das möchten wir ändern.

Heutzutage sind viele Haustiere praktisch ein Mitglied der Familie. Wie kann es sein, dass ihre Schmerzen nicht bemerkt werden?

Sabine Tacke: Tiere können uns nicht sagen, dass sie unter Schmerzen leiden. Jede Tierart zeigt die Schmerzen auf andere Art und Weise. Manchmal müssen die Besitzer ihr Tier sehr genau beobachten, um mitzubekommen, dass es sein Verhalten ändert. Außerdem müssen Sie wissen, welche Veränderungen auf Schmerzen hindeuten können, dass sie einen Tierarzt aufsuchen sollten, wenn ihre Katze in letzter Zeit viel ruhiger geworden ist oder wenn die Maus mit gesträubtem Fell im Käfig sitzt.

Wir möchten, dass Tierhalter gut informiert sind und Schmerzen erkennen können. Deshalb veröffentlicht ITIS auf dieser Internetseite Merkblätter für Tierhalter. Hier sind unsere Tipps zur Schmerzerkennung bei Hund, Katze, Heimtier und Vogel übersichtlich zusammengefasst.

Bei welchen Tierarten ist es besonders schwierig, Schmerzen zu erkennen?

Sabine Tacke: Vögel und einige Heimtiere, zum Beispiel Meerschweinchen, machen es ihren Besitzern in dieser Hinsicht besonders schwer. Das hängt damit zusammen, dass diese Tiere in freier Wildbahn nicht lange überleben würden, wenn ihnen die Schmerzen leicht anzumerken wären.

Für Vogelhalter sollten zum Beispiel ein herabhängender Flügel, ein angezogener Fuß oder aufgeplustertes Gefieder Alarmzeichen sein. Auch wenn ein Vogel plötzlich sein Verhalten ändert, ist das „verdächtig“, wenn er also beispielsweise viel häufiger auf dem Käfigboden sitzt oder weniger singt als gewohnt.

Meerschweinchen werden oft ganz still, wenn sie Schmerzen haben. Während gesunde Tiere sich eventuell wehren, wenn sie hochgenommen und untersucht werden, sind Tiere mit Schmerzen eher ruhiger. Darüber hinaus fällt zuhause vielleicht auf, dass die Tiere weniger auf Entdeckungstour gehen und sich von der Gruppe separieren. Das sind sehr subtile Anzeichen, Tierhalter müssen sich gut auskennen, um so etwas zu bemerken.

Viele Haustiere erreichen heute ein hohes Alter. Sind Schmerzen für alte Tiere ein Problem, ähnlich wie für Menschen?

Sabine Tacke: Schmerzende Gelenke, Probleme beim Kauen – auch bei unseren Haustieren beginnt es im Alter häufig, zu zwicken und zu zwacken. Wichtig ist, dass Schmerzen auch als solche erkannt werden. Der Hund verliert die Lust am Spazierengehen nicht einfach nur weil er alt ist und ruhiger wird. Es können auch Schmerzen dahinterstecken, die sich therapieren lassen! Tierhalter sollten mit dem Tierarzt besprechen, wie Medikamente oder zum Beispiel Physiotherapie ihrem alten Hund helfen können. Wichtig ist auch, dass die Tiere im Alter in Bewegung bleiben und nicht übergewichtig werden. Das haben letztlich die Besitzer in der Hand, denn sie füllen den Futternapf.

Schmerzmedikamente helfen nicht nur, sie haben auch Nebenwirkungen. Was ist zu beachten, wenn Tiere langfristig auf Schmerzmittel angewiesen sind?

Sabine Tacke: In manchen Fällen sind langfristige Medikamentengaben unvermeidbar. Der Tierarzt wird dann das individuell verträglichste Medikament auswählen oder durch geschickte Kombination verschiedener Wirkstoffe versuchen, die Nebenwirkungen gering zu halten. Bei chronischen Gelenkentzündungen sollte die medikamentöse Therapie unbedingt um weitere Bausteine ergänzt werden. Die Palette ist groß: zum Beispiel können Physiotherapie oder Nahrungsergänzungsmittel helfen, Schmerzen zu lindern und Nebenwirkungen zu vermeiden.

Keinesfalls ist die Angst vor Nebenwirkungen ein Grund, auf eine Schmerztherapie zu verzichten! Sogar bei alten Tieren, deren Niere und Leber vielleicht nicht mehr so gut arbeiten, ist es heute meist möglich, eine Medikation zu finden, die ausreichend gut vertragen wird. Regelmäßige Kontrollen der Laborwerte helfen, einen Leberschaden oder eine Niereninsuffizienz rechtzeitig zu erkennen und die Schmerztherapie anzupassen.

Dieses Interview wurde in einem Sonderheft für Tierhalter von Der Praktische Tierarzt veröffentlicht.

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